Über das Projekt

„Jeder, der frei und vollständig sagt, was er denkt, leistet dem Ganzen einen Dienst. Wir sollten ihm dafür danken, dass er schonungslos unsere liebsten Meinungen angreift.“ (John Stuart Mill)

Was ist Cancel Culture? Ganz grob gesagt und vielleicht etwas weiter gefasst als von manchen anderen: Cancel Culture ist die Bezeichnung für eine Debattenkultur, bei der Meinungen nicht kritisiert, sondern unterdrückt werden.

Durch Cancel Culture wird ein Klima der Angst geschaffen, das eine weitreichende und effektive Selbstzensur in allen Bereichen der Gesellschaft befördert. Cancel Culture hat das Ziel, Meinungsvielfalt zu reduzieren und Meinungsäußerungsfreiheit einzuschränken. Jeder kann sagen, was er will, er muss nur in Kauf nehmen, dass er hinterher oder spätestens nach der zweiten unachtsamen Bemerkung oder „falschen“ Meinung seine Karriere vergessen kann, keine Aufträge mehr bekommt, seinen Job los ist oder sich persönlicher Anfeindungen und Bedrohungen erwehren muss. Cancel Culture ist daher etwas anderes als Kritik. Kritik, auch scharfe Kritik, ist der Kern jeder echten Debatte. Diffamierung, Drohung, Deplatforming, Sprachvorschriften, Zensur und vorauseilender Gehorsam sind die Instrumente der Cancel Culture. Ein falsches Wort auf Facebook, ein misslungener Witz oder zwei falsche Likes bei Twitter können schon genügen, damit die Disziplinierungsmaschine anspringt. Legitime Kritik folgt dem Muster: Du bist auf dem Holzweg, und ich weiß es besser. Ein CC-Angriff folgt dagegen dem Muster: Du bist böse (und/oder gefährlich), und ich bin gut. Sie zielt darauf, die Reputation des Angegriffenen zu schädigen und die eigene zu erhöhen. Sie ist eine Kombination aus Diffamierung und Virtue Signalling.

Cancel Culture ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit und damit unabhängig von der politischen Stoßrichtung ein Problem. Derzeit überwiegen Fälle, bei denen Betroffene sich selbst im Meinungsspektrum eher rechts sehen oder von den Angreifern dort gesehen werden. Es gibt aber auch CC-Angriffe gegen links und solche, die sich im ohnehin brüchig gewordenen Links-Rechts-Schema schwer einordnen lassen.

Auch das Abfackeln von Autos, Brandanschläge auf Wohnhäuser und Büros, Gewaltandrohung oder sonstige Angriffe sind als Versuche zu werten, die Betroffenen einzuschüchtern und davon abzubringen, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen. Sie sind damit auch ein Teil der Cancel Culture.

Des Weiteren nehmen wir auch Fälle auf, bei denen nicht Personen im Mittelpunkt stehen, sondern einfach das Canceln von Inhalten oder Darstellungsweisen, hinter denen sich aber durchaus auch wieder (unbekannte) Menschen verbergen, die u.U. die Konsequenzen zu spüren bekommen. Etwa, wenn ein Social Media Post eines Unternehmens zu einem Shitstorm führt. Auch diese kleineren Fälle tragen sehr effektiv zu einer Kultur der Angst und des Konformismus bei. Auch das Kategorisieren unliebsamer Inhalte als „Hate Speech“ und „Fake News“ und das Entfernen derselben von den Internet-Plattformen sowie ideologische Säuberung von Sprache betrachten wir als Teil der Cancel Culture.

Cancel Culture ist ein Problem, wenn sie Menschen trifft, die offensiv sind und provozieren und es gewohnt sind, Angriffen ausgesetzt zu sein. Sie ist noch perfider, wenn sie sich gegen Menschen richtet, die nichts Böses ahnen und nicht gewohnt, sich zu wehren.

Die unmittelbar Betroffenen der Cancel Culture sind einzelne Menschen, die diffamiert oder angegriffen werden und mitunter massive Schäden erleiden. Das eigentliche Opfer der Cancel Culture und ihrer „Liebe zur kollektiven Zensur“ (Yascha Mounk) ist aber die von ihr verdrängte Kultur der offenen und ehrlichen Debatte.

Letztlich zielt CC durch die Abschreckungswirkung des Abschießens einzelner auf die Zerstörung eines allgemeinen öffentlichen Diskurses, an dem sich alle beteiligen können. Verfechter dieser Kultur verweisen darauf, dass es ja genug Orte (zumal im Internet) gibt, wo jeder noch immer sagen kann, was er will. Das stimmt. Eine offene Debatte ist aber auch dann tot, wenn jeder nach Lust und Laune in der eigenen Konsens-Blase sprechen kann. Nicht zuletzt die etablierten Medien veröden, wenn sie solcherart gereinigt und ideologisch homogenisiert werden. Wer die Entpluralisierung begrüßt und betreibt, braucht sich über Leser- und Hörerschwund nicht zu wundern. Der wahre Wert der Meinungsfreiheit liegt nicht darin, dass jeder irgendwo seine Meinung äußern darf, sondern in dem Recht aller, alle Meinungen ungehindert hören und selbst bewerten zu dürfen. In einer Demokratie geht es nicht darum, den Gegner moralisch zu diskreditieren oder in eine Echokammer zu verbannen, sondern die Mehrheit von den eigenen Argumenten zu überzeugen.

Die typische Vorwurf der Cancel Culture ist, etwas gesagt (oder gedacht) zu haben, was niemand sagen darf, weil andere dadurch verletzt würden: etwas Rassistisches, Sexistisches, Fremdenfeindliches, Ökoblasphemisches, Homophobes, Transphobes, Islamophobes, Antisemitisches, usw. Diesem Vorwurf sollten wir mit den Worten Salman Rushdies „no one has the right not to be offended“ jede Legitimität absprechen. Wenn sich selbst mit viel Fantasie partout nichts vermeintlich Rassistisches, Sexistisches etc. auftreiben lässt, reicht auch der Vorwurf, Rassistismus etc. zu „verharmlosen“, oder zur Not auch, mit Jemandem auf Facebook befreundet zu sein, der irgendetwas verharmlose. Kontaktschuld ist längst kein Tabu mehr. Die Grundregel lautet: Wo der Wille zur Diffamierung ist, da findet sich auch ein Weg.

Damit Cancel Culture wachsen und gedeihen kann, reicht es nicht, genug Empörungs-und Zerstörungswillige zu haben. Auch die Opfer müssen mitspielen. Sie müssen bereit sein, Buße zu tun, um sich vielleicht noch das Gröbste zu ersparen. Oft genug sind sie es. Insbesondere, wenn sie unvorbereitet getroffen werden, weil sie in ihrer Arglosigkeit nicht geahnt haben, dass sie Opfer einer solchen Attacke werden könnten. Und es braucht auch die Fallenlasser, die möglichst beim kleinsten Shitstorm nichts Besseres zu tun haben, als sich, von der Angst gepackt, sofort von ihrem Mitarbeiter, Kollegen, Mitglied, Parteigenossen etc. zu distanzieren.

Der wichtigste Wert einer offenen Gesellschaft ist Toleranz – ein Begriff, mit dem leider viel Schindluder getrieben wird. Toleranz setzt voraus, dass es Meinungen, Verhaltensweisen, Lebensstile gibt, die man ablehnt. Toleranz bedeutet, dass man aus seiner Ablehnung keinen Hehl machen muss und sie gerne scharf kritisieren darf. Aber auch, dass man sie nicht zu unterdrücken oder zu verbieten versucht, sondern aushält. Natürlich gibt es auch wirklich hasserfüllte oder zynische Menschen, die Widerliches von sich geben. Doch auch bei Ihnen sollte die Reaktion nicht sein, zu versuchen, sie grundsätzlich zum Schweigen zu bringen oder auszustoßen, solange nicht die Schwelle zum Aufruf zur Gewalt überschritten wird.

Zu den Gebieten, wo Cancel Culture inzwischen endemisch geworden ist, zählt die akademische Welt. Insbesondere im angelsächsischen Raum, aber auch in Deutschland. Einer Allensbach Umfrage aus dem Februar 2020 zufolge sind ein knappes Drittel der Hochschullehrer der Meinung, dass die Political Correctness ihre Forschung und Lehre einschränke. Eine ebenfalls von Allensbach durchgeführte Umfrage in der Allgemeinbevölkerung im letzten Jahr hatte ergeben, dass 35 Prozent die Auffassung vertreten, dass freie Meinungsäußerung nur noch im privaten Kreis möglich sei.

Die Fallsammlung auf cancelculture.de zeigt Beispiele für Einschränkung oder Behinderung der freien Meinungsäußerung oder Disziplinierung von Menschen, die sich öffentlich geäußert haben. Diese Beispiele dokumentieren wir unabhängig davon, ob wir selbst den jeweils geäußerten Meinungen zustimmen oder sie ablehnen.

cancelculture.de ist ein Projekt des Freiblick-Instituts.

Ein Kommentar zu “Über das Projekt

  1. Das Leben ist immer wie ein Fluß.Wenn man dieser Erkenntnis die alte Weisheit hinzufügt dass man nie auslernt,dürfte es ein Cancel Culture garnicht geben.
    Ich zähle mich nicht zu den Intellektuellen.Jedoch denke ich,es bringt uns alle weiter wenn wir entspannt drei Dinge in den Diskussionen beherzigen:
    gesunder Menschenverstand
    die eigenen Lebenserfahrungen
    den aktuellen Wissensstand
    Kommt dann noch Empathie dazu und bleibt es friedlich,sind Lösungen möglich.

    Liken

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