Juni 2020

Karen Parkin. Die Personalchefin im Vorstand von adidas tritt nach 23 Jahren bei der Firma zurück. Eine Gruppe schwarzer Angestellter hatte den adidas-Aufsichtsrat aufgefordert, Parkin und deren Strategie im Umgang mit Rassismus am Arbeitsplatz unter die Lupe zu nehmen. Bei einem internen Belegschaftstreffen soll sie Rassismus als „Lärm“ (Noise) abgetan haben, der nur in den USA diskutiert werde. Sie glaube nicht, dass die Sportmarke adidas ein Rassismusproblem habe.

Harald Uhlig. Ein ehemaliger Student wirft dem deutschen Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Chicago vor, sich 2014 über Martin Luther King lustig gemacht und ihn anschließend gefragt zu haben, ob er jetzt beleidigt sei. Uhlig hat zudem auf Twitter die Forderung „Defund The Police“ kritisiert. Janet Yellen, die ehemalige Vorsitzende der US-Notenbank, kritisiert Uhlig in der New York Times und fordert, seine Rolle in der Fachzeitschrift „Journal of Political Economy“ zu überdenken. Yellen ist Präsidentin der American Economic Association, der US-Vereinigung der Ökonominnen und Ökonomen. Auch der Nobelpreisträger und New York Times Kolumnist Paul Krugman fordert die Suspendierung Uhligs. Daraufhin wird er in seiner Funktion als Chef-Herausgeber des „Journal of Political Economy“ auf ungewisse Zeit beurlaubt. Die Zeitschrift ist eines der fünf wichtigsten Wissenschaftsjournale der Ökonomie. Die Chicagoer Niederlassung der US-Notenbank Fed kündigt ihren Vertrag mit Uhlig. Nach einer Prüfung des Rassismusvorwurfs entscheidet die Universität Chicago, dass er sich nichts habe zuschulden kommen lassen. Er wird wieder als JPE-Herausgeber eingesetzt. Im Juli twittert Uhlig „Let me politely suggest to replace Paul Krugman with a Black American colleague as columnist @nytimes. Paul had a great run there for more than 20 years. Let’s thank him all for what he has done and move on. @paulkrugman: just graciously step down! #ReplaceKrugman

Mark Zengerle. Der Eishockey-Spieler teilt einen Tweet, in dem US-Präsident Donald Trump angekündigt hatte, die Antifa künftig als terroristische Organisation einzustufen, und fügt die Worte „Thank you Mr. President“ hinzu. Sein Club, die Eisbären Berlin, distanziert sich und kündigt an, die Mannschaft werde „in der Vorbereitung auf die kommende Saison mehrere kleine Geschichtsstunden absolvieren. Das Ziel dieser werde es sein, allen Trainern, Spielern und weiteren Teammitgliedern nicht nur die besondere Geschichte der Eisbären Berlin, sondern auch der Bundesrepublik Deutschland ausführlich zu erklären, vor Augen zu führen und die Eishockeyspieler dafür zu sensibilisieren, an welch besonderem Ort sie in der neuen Spielzeit dem Puck nachjagen.“

Jörg Bernig. Am 20. Mai hatte der Radebeuler Stadtrat den Autor Jörg Bernig nach einem langen Bewerbungsverfahren zum Leiter des Kulturamts der Kleinstadt in Sachsen gewählt. Die taz teilt unter der Überschrift „Ultrarechter Kulturamtsleiter“ mit, die Kulturszene sei empört. Das deutsche PEN-Zentrum fordert Bernig in einem verworrenen Statement etwas verklausuliert auf, auszutreten. Der Oberbürgermeister lässt die Wahl annulieren. Bernig erkärt, dass er für die Wiederholung der Wahl nicht zur Verfügung steht. Bernig ist u.a. mit dem Eichendorff-Preis, dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Kunstpreis der Stadt Radebeul ausgezeichnet und Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Sächsischen Akademie der Künste. Er hat sich vor allem durch seine Kritik an der Migrationspolitik Feinde gemacht.

Hengameh Yaghoobifarah. Die Autorin veröffentlicht in der taz eine Kolumne mit dem Titel „All cops are berufsunfähig“, in der sie u.a. schreibt, der einzige Ort, wo man Polizisten nach Abschaffung der Polizei noch einsetzen könne, sei die Mülldeponie. Die Deutsche Polizeigewerkschaft stellt Anzeige gegen die taz wegen Volksverhetzung, Yaghoobifarah wird in den sozialen Medien ausgiebig beschimpft. Auch Innenminister Horst Seehofer kündigt an, Strafanzeige zu stellen, tut es aber dann doch nicht. taz Chefredakteurin Barbara Junge erklärt anschließend: „Menschen als Müll zu bezeichnen, widerspricht dem Selbstverständnis einer Zeitung, die sich einer menschlicheren Gesellschaft verschrieben hat.“ Sie verteidigt Yaghoobifarah aber, da diese selbst Opfer „rassistischer Beleidigungen und Bedrohungen“ geworden sei. Beim Deutschen Presserat gehen 382 Beschwerden ein, die er als unbegründet zurückweist und befindet: „Das Gedankenspiel der Autorin, der als geeigneter Ort für Ex-Polizisten nur die Mülldeponie einfällt, ist von der Meinungsfreiheit gedeckt.“

Corona-Anzeige. Der Verein „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie e.V.“ möchte in der F.A.Z. eine Anzeige mit einem offenen Brief die Bundesregierung schalten. Die F.A.Z lehnt ab mit der Begründung: „Wir behalten uns vor, Anzeigen, bei denen wir schwerwiegende Bedenken hinsichtlich der dargestellten Inhalte oder der getroffenen Aussagen haben nicht anzunehmen. Nach unserem Erkenntnisstand bestehen an den von Ihnen vertretenen wissenschaftlichen Positionen, auf die Sie sich in der Anzeige beziehen, schwerwiegende Zweifel. So haben wir uns nach eingehender Prüfung entschieden, von der Ihrerseits geplanten Veröffentlichung in der F.A.Z. Abstand zu nehmen.“

Mohren-Apotheke. Die Mohren-Apotheke in Wien erhält einen neuen Namen. Die jüdische Inhaberin der 1350 gegründeten Apotheke, Teresa Marosi,  gibt damit Protesten und einer Online-Petition wegen der „rassistischen Geschäftsbezeichnung“ nach. Zuvor hatte sie versucht, zu erklären, woher der Name kommt: „In Europa zur Zeit des Mittelalters war die Medizin noch völlig unentwickelt. Wirksame Heilmittel kamen aus Afrika und dem Orient“, heißt es da. Zu dieser Zeit hätten sich viele Apotheken Namen gegeben, die den Begriff Mohr enthalten. „Dies galt als Wertschätzung für die Heilkundigen und ihre Medizin. Wir wollen die Erinnerung an diese Heiler und ihre Heilkunst am Leben erhalten und damit auch in Erinnerung rufen, dass Heilkunst nicht nur in europäischen Klöstern zu finden war.“ Die SPÖ-Stadtpolitikerin Mareille Ngosso sagt nach dem Gespräch mit Teresa Marosi. „Wir waren uns einig, dass das ein großer, wichtiger Schritt gegen Rassismus ist.“ Marosi sagt: „Meiner Meinung nach müssen wir respektieren, dass solche Begriffe verletzende Konnotationen auslösen, auch wenn wir persönlich angesichts der Geschichte des Begriffs anderer Auffassung sind.“ Auch in Deutschland sehen sich viele Mohren-Apotheken mit Forderungen nach Umbenennung konfrontiert (siehe z.B. hier und hier)

Roger Köppel. Weltwoche-Chef und SVP-Nationalrat Roger Köppel wird aus der Radiosendung «Forum» des Schweizer Rundfunks (SRF) ausgeladen, da kein schwarzer Gast bereit sei, mit ihm über das Thema „Rassismus“ zu diskutieren. SP-Nationalrätin Samira Marti zeigt Verständnis, schließlich bringe es schlicht nichts, mit „Rassist“ Köppel darüber zu reden. Im Oktober 2020 hat er das gleiche Problem, diesmal in der Rolle des „Klimaleugners“. Die Organisation Klimastreik Schweiz fordert die Ausladung Köppels, hat damit aber keinen Erfolg und lehnt dann selbst eine Teilnahme ab.

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