Dezember 2020

Stephan Luckhaus.  Da er nach eigenen Angaben bei der Verbreitung seiner epidemiologischen Arbeiten massiv behindert wurde, verlässt der Leipziger Mathematiker die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. In seinen Beiträgen sprach er sich deutlich gegen Lockdowns aus. Die als Preprint erschienene Arbeit „Corona, Mathematical Epidemiology, Herd Immunity, and Data“ war als Beitrag für „NAL live“ geplant. Dieses neue wissenschaftliche Journal der Leopoldina will sich laut Darstellung der Organisation durch Transparenz auszeichnen. Hier sollen Artikel „online kommentiert, diskutiert und fortlaufend aktualisiert werden“ und somit ein „Living Dokument“ entstehen. In der Beschreibung steht: „Die Dokumente bilden so eine offene wissenschaftliche Diskussion ab. Durch die ständige Aktualisierung sollen die Texte auch für Politik und Medien eine Informationsgrundlage zum jeweiligen Thema bieten.“ Der Herausgeber lehnte es aber ab, Luckhaus‘ Artikel in den Begutachtungsprozess zu geben, der vor einer Veröffentlichung nötig ist. Die alternative Verbreitung des deutschen Textes als persönlichen Diskussionsbeitrag unter den Leopoldina-Mitgliedern wurde mit Hinweis auf den „Datenschutz“ abgelehnt. Eine deutschsprachige Zusammenfassung der Arbeit ist inzwischen auf der Website von Boris Reitschuster veröffentlicht. Luckhaus erhielt 2003 den Max-Planck-Forschungspreis. 2007 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt, 2019 zum Senator der dortigen Sektion Mathematik.

Robert Greene. Der 2001 im englischsprachigen Original und 2002 auf Deutsch bei Hanser (Hardcover) und dtv (Taschenbuch) erschienene Bestseller „24 Gesetze der Verführung“ des amerikanischen Autors ist laut „Börsenblatt“  von beiden Verlagen aus dem Sortiment genommen worden. Das Buch ist auch aus dem Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) verschwunden. Vorangegangen war laut Börsenblatt eine Protestkampagne der Radiosendung „Schwester Suffragette“ und des Blogs „Feministisches Lesen“, der sich „reichweitenstarke Persönlichkeiten wie Silvi Carlsson und Ines Anioli“, sowie „die junge feministische She Said Buchhandlung“ angeschlossen hätten. Für die feministischen Kritiker ist „24 Gesetze der Verführung“ eine „Anleitung zu psychischer Gewalt“, die „in niemandes Hände geraten“ und in keinem Bücherregal stehen dürfe, berichtet Achgut.
Als die deutsche Übersetzung 2002 erschien, wurde sie noch hoch gelobt. „Eine Fundgrube der Belehrung und des Genusses“, urteilte die „Welt“. „Ein Instrumentarium ausgefeilter Verführungs- und Manipulationsstrategien. Die Regeln dieses großen, zutiefst amoralischen Spiels durchschauen zu können, empfiehlt sich allein aus Selbstschutz“, meinte eine Rezensentin des Frauenmagazins „Gala“. Sogar die linksliberale „Süddeutsche Zeitung“ schrieb wohlwollend: „Reflexionen und Instruktionen im Plauderton wechseln mit amüsanten Nacherzählungen exemplarischer Verführungsgeschichten und Verführerschicksale. […] In die Geschichte der Überraschung und der Geduld führt Robert Greenes Bestseller-Anwärter auf vergnügliche Art ein.“

Amed Sherwan. Der in Deutschland lebende religionskritische Aktivist und Blogger Amed Sherwan postet eine Fotomontage auf Facebook und Instagram. Sie stellt einen Kuss mit dem ägyptischen Atheisten Mohamed Hisham vor der Kaaba dar, die von gläubigen Muslimen als eines der zentralen Heiligtümer des Islam angesehen wird. Wie Amed Sherwan erklärt, handele es sich bei dem Bild um ein Zeichen der Solidarität mit LGBTIQ*-Personen in muslimischen Communitys. Daraufhin gehen bei ihm massenhaft Beleidigungen und Gewaltandrohungen ein – darunter auch konkrete Morddrohungen. Kurze Zeit nach Veröffentlichung der Fotomontage werden Sherwans Accounts bei Facebook und Instagram gesperrt. Weitere Sperrungen folgen. Eine Darstellung des Falles findet sich auf der Webseite des Instituts für Weltanschauungsrecht.

Carolin Matthie. Mitten in einem aktiven Livestream über das aktuelle Tagesgeschehen mit mehr als 2000 Zuschauern auf dem knapp 70.000 Abonnenten starken Youtube-Kanal der Video-Bloggerin unterbricht Youtube die Übertragung. Zur gleichen Zeit wird ein weiteres Video von ihrem Kanal entfernt. Anschließend wird Matthie mitgeteilt, dass sie nun für eine Woche keine Inhalte mehr auf ihrem Kanal publizieren kann. Weder Videos, noch sogenannte „Community-Beiträge“. Matthie weist darauf hin, dass sie nicht nur an der freien Äußerung und ihrer korrekt angemeldeten gewerblichen Tätigkeit gehindert wird, sondern ebenfalls an der laut Grundgesetz garantierten Pressefreiheit. Sie kommentiert: „Es darf nicht sein, dass man in einem Land wie Deutschland nur noch von der Regierung abgesegnete Positionen vertreten darf. Eine Demokratie lebt von Kontroversen. Sie muss abweichende Standpunkte nicht nur aushalten können, sondern sollte diese sogar begrüßen.“ Quelle: reitschuster.de

Kathleen Stock. Die Professorin für Philosophie an der University of Sussex soll einen Vortrag bei der Tagung “Oppressive Speech, Societies & Norms – Theme 2: Silencing, Speaking up & Free Speech“ am Berliner Leibniz Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) halten. Sie wird wieder ausgeladen, weil der Inhalt ihres Beitrags offenbar unerwünscht ist. Der eingereichte Abstract enthalte ein Statement, das von einer bestimmten Gruppe von Menschen als „Herabwürdigung“ begriffen werden könnte. Er sei „nicht vereinbar mit den Werten des ZAS“. Hier der Abstract, dessen Fehler offenbar darin besteht, dass er das Konzept „Frau“ verteidigt und damit mutmaßlich Menschen herabwürdigt, die der Meinung sind, dass der Begriff „Frau“ eine andere Bedeutung als „erwachsener weiblicher Mensch“ haben sollte, o.s.ä.:

Marco Rima. Der Schweizer Schauspieler und Kabarettist äußert regelmäßig seine Zweifel an der Corona-Politik, sammelte Unterschriften gegen eine Impfpflicht und trat bei einer Corona-Skeptiker-Demo auf. Er verliert daraufhin zahlreiche Sponsoren. Und kommentiert: „Wenn man sich als öffentliche Person aus dem Fenster lehnt, dann hat das auch Nachteile. Das ist auch okay.“ Auch sein Engagement für das Kinderhilfswerk Unicef ist betroffen. 20 Jahre lang hat er sich ehrenamtlich engagiert. Nun ist das nicht mehr erwünscht, berichtet 20 minuten.

Gunnar Kaiser. Der Schriftsteller und Philosoph moderiert eine Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung zum Thema „Intoleranz, offene Debattenkultur und Cancel Culture“. Ein Twitter-Nutzer mit NamenSnollyghoster tweetet, Kaiser sei „quer abgebogen und nach rechts so weit offen, daß man einen Flugzeugträger darin parken könnte“ und fordert die FNS auf, sich zu erklären. Diese meldet kurz darauf Vollzug: „Wir haben die Person Gunnar Kaiser aus gegebenem Anlass sehr intensiv überprüft und müssen zur Kenntnis nehmen, dass Herr Kaiser mit rechtspopulistischem und verschwörungstheoretischem Gedankengut arbeitet. Es ist unser Versäumnis, dass wir bei der Auswahl der Moderation einer Empfehlung gefolgt sind und seinen Hintergrund vorher nicht ausreichend geprüft haben. Das bedauern wir und werden Vorsorge treffen, dass so etwas nicht mehr passieren kann!“ Eine ausführliche Darstellung des Falles findet sich bei Welt online.

Monster Hunter. Der Film, finanziert von der Münchner Constantin mit einem 60-Millionen-Dollar-Budget, läuft zuerst in chinesischen Kinos an; einerseits, weil dort die Kinos offen sind, andererseits, weil die letzte Constantin-Game-Verfilmung, „Resident Evil“, dort 185 Millionen Dollar einspielte. Doch schon nach einem Tag wird einen neue Version geliefert, die alte darf nicht mehr gespielt werden. Was hat zur großen Empörung und schnellen Nachbesserung geführt? Folgende Szene: Zwei Männer fahren mit hoher Geschwindigkeit und viel Lärm durch eine Wüstenlandschaft, einer mit westlichen und einer mit asiatischen Gesichtszügen. „What“, fragt der Westler seinen Kumpel. „Look at my knees“, ruft der Asiate zurück. „What kind of knees are these“, will der Begleiter wissen, der noch nicht ahnt, was für ein Kalauer da auf ihn zukommt. „Chi-nese!“, triumphiert der andere und schüttelt sich vor Lachen. Dieser kleine Witz wurde von irgendjemandem mit einem alten Kinderreim aus dem 1960er Jahren in Verbindung gebracht: „Chi-nese, Jap-a-nese, dir-ty knees, look at these.“ Und damit war offenbar ausreichend Material für einen Shitstorm vorhanden, berichtet die WELT.

Proto. Der nordrhein-westfälische Rapper (bürgerlich: Kai Alexander Naggert), der früher unter dem Namen Prototyp NDS auftrat, veröffentlicht sein neues Album „Feuer“. Seine Plattenfirma Arcadi stellt das Album auch auf Spotify, wo es jedoch nach wenigen Stunden bereits gelöscht wird. Ein Sprecher des Unternehmens sagt auf Nachfrage der JUNGEN FREIHEIT, der Künstler habe gegen die „Content Policy“ verstoßen. Welche Aussagen oder welche Lieder genau Spotify beanstandet, will er nicht erläutern. Dazu nenne man grundsätzlich „keine Details“. Protos Musik zählt zum Genre des „Battlerap“. Auf anderen Plattformen ist das Album bislang weiterhin verfügbar.

Werner Kunz. Als Entgegnung auf die Jenaer Erklärung veröffentlicht der Zoologie-Professor im Februar 2020 einen kurzen Artikel über die Berechtigung der Verwendung des Rassebegriffs beim Menschen. Die „Jenaer Erklärung“ vertritt die Auffassung, dass das Konzept der Rasse das Ergebnis von Rassismus sei nicht dessen Voraussetzung. Da sich einer der vier Autoren der „Jenaer Erklärung“ über den Artikel beschwert, verfasst Kunz nach Rücksprache einen ausführlicheren Text für die Zeitschrift „Biologie in unserer Zeit“ mit dem Titel „Immer wieder missverstanden – Die Unterteilung von Arten in Rassen“, der im Dezemberheft erscheinen soll. Er erscheint nicht, weil der Verlag „aufgrund negativer Erfahrungen sehr vorsichtig bei der Veröffentlichung von Artikeln geworden ist, die Rasse- oder Genderthemen betreffen“, sondern wird verschoben. Prof. Kunz hat zuvor schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Für den März 2019 hatte er auf dem „Symposium für Schmetterlingsschutz und zur Populationsbiologie von Tagfaltern“ in Leipzig einen Vortrag angemeldet, um die theoretischen Grundlagen des Rassebegriffs am Beispiel einiger Schmetterlingsarten zu erläutern. Nachdem die Thematik bereits mit mehreren Organisatoren der Tagung fest abgesprochen und ausgearbeitet war, wurde der Vortrag wenige Tage vor Beginn der Tagung gestrichen, weil „das Thema zu Irritationen führt, die die Gefahr in sich bergen, dass sie uns das Leben auch im Kontext anderer Diskussionen (z.B. Naturschutz) nicht leichter macht“. Es gehe hier „nicht darum, die Meinungsfreiheit einzuschränken, sondern darum, dass nach Abschätzung der durchaus denkbaren Reaktionen dieses Thema falsch aufgefasst wird und uns dann auch bezüglich anderer Anliegen Schwierigkeiten bereiten könnte“, begründeten die Organisatoren die Absage. Und nach einem Vortrag über den Rassebegriff in der Ornithologie auf der Jahrestagung der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DOG) im September 2018 forderte ein Teilnehmer die DOG, sich öffentlich zu distanzieren. Der Vortrag sei von Kunz „für rechtspopulistische Zwecke missbraucht worden“ und die Tagung „als Bühne für rassistische Meinungsmache“ benutzt worden. Die DOG distanzierte sich nicht, der Vortrag erschien in Kurzform in der Zeitschrift „Vogelwarte“.

Querdenker. Wenn man bei der Firma spreadshirt, die das individuelle Bedrucken von Kleidungsstücken anbietet, das Wort „Querdenker“ auf ein T-Shirt drucken lassen will, geht das nicht und man erfährt: „Querdenker“ dürfen wir nicht drucken.

Holger Stahlknecht.  Im Streit um die Ablehnung der Erhöhung der Rundfunkgebühren gibt der Innenminister Sachsen-Anhalts und Vorsitzende der Landes-CDU, Holger Stahlknecht, der Volksstimme ein Interview, in dem er sagt, dass die Ablehnung der Gebührenerhöhung nicht verhandelbar sei. „Die CDU wird ihre Position nicht räumen. Der CDU-Landesvorstand hat das am Montagabend auch so einstimmig beschlossen.“ Stahlknecht lehnt es also ab, sich zur Aufgabe von eigenen Positionen zwingen zu lassen, nur weil die AfD zustimmen wird. Daraufhin entlässt Ministerpräsident Reiner Haseloff seinen Innenminister. In der Mitteilung der Magdeburger Staatskanzlei heißt es zur Begründung: „Wesentlicher Grund dafür ist, dass Herr Minister Stahlknecht unabgestimmt während der laufenden Bemühungen des Ministerpräsidenten, die 2016 gebildete Koalitionsregierung zu stabilisieren, öffentlich den Koalitionsbruch und die Möglichkeit einer allein von der CDU gebildeten Minderheitsregierung in den Raum gestellt hat.“ Jörg Schindler, dem Bundesgeschäftsführer der Linken, ist das genug. Er fragt: „Ist das auch die Haltung der Landes-#CDU? Wenn nein, reicht sein Rausschmiss als Innenminister nicht. Die Abwahl als Landesvorsitzender muss folgen!“ und postet auf Twitter ein Bild mit dem skurrilen Spruch „CDU Sachsen-Anhalt: Demokratie und Medienvielfalt sind uns keine 86 Cent wert. Daher paktieren wir gerne mit Faschisten.“

Gerlind Läger. Die Landesärztekammer zeigt die Fachärztin für Innere Medizin aus Oelsnitz im Erzgebirge wegen Volksverhetzung an. Sie hat wiederholt gegen die Coronamaßnahmen protestiert und soll gesagt haben: „Die Maske ist der Stern. Ich bin schon froh, dass er nicht gelb sein muss. Quelle: Bild
Nachtrag: Im April 2021 wird das Verfahren gegen Läger eingestellt, berichtet die Freie Presse.

2 Kommentare zu „Dezember 2020

  1. Sichtet hier IRGENDJEMAND die Fälle und überprüft sie?
    Arcadi ist kein „Musikverlag“ sondern ein Magazin der Identitären Bewegung, die vom VS beobachtet wird.
    „Proto“ Naggert als war als „Prototyp/ Neuer Deutscher Standard“ unterwegs mit Christoph Zloch aka Chris Ares, ehemals Bündnis Deutscher Patrioten.

    Das ist keine CancelCulture, das ist Jugendschutz.

    Gefällt 1 Person

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